| Meine Königskerze heute, im Juli 2026 |
Rund um die Königskerze … philosophieren
1. Das Erhabene … und die Erhabene
Lenau nennt an einer Stelle drei Erscheinungsformen des Erhabenen: das
Hochgebirge, den Ozean und die Musik des vergötterten Beethoven, was ich in
jungen Jahren ähnlich sah, ohne noch viel von Mozart gehört zu haben.
Heute ist der absolute erste Platz bei mir doppelt besetzt, gefolgt von
Schubert und allen anderen.
In der hiesigen Pflanzenwelt aber erhaben ist die Königskerze,
bescheiden aufblühend mit immer neuen Blüten, doch über anderen thronend,
königlich, fürwahr!
Wer ihr den Namen gab, vielleicht schon vor Jahrtausenden, musste nicht
lange überlegen, nur betrachten, werten und benennen, am höchsten im
Irdischen ausgerichtet, am König, der manchmal auch ein Gott sein wollte.
2.
Die Königskerze, immer aufrecht, nur manchmal
auch geknickt,
gebeugt von der eigenen Blütenlast, die auch die Aufrechteste[1]
niederzieht.
Wer über sich hinauswächst, vom starken Willen angetrieben oder von der
Natur so bewegt, der scheitert gelegentlich an sich selbst, die edle Pflanze
dem Menschen ein Gleichnis.
3. Die Königskerze,
mehr als eine Heilpflanze und Metapher: ein Symbol, gleich der Lilie
im Wappen.
4.
Die Königskerze- ein Blütenwunder
andere Pflanzen, Bäume blühen einmal, oft nur kurz, dann ist Schluss – die Königskerze,
ein Fundus an Blütenknospen, öffnet täglich neue Blüten, um Insekten aller Art anzuziehen,
Hummeln, Wildbienen, Käfer, Wesen, auch, um den menschlichen Betrachter zu erfreuen,
denjenigen, der noch Freude am Wachstum hat und an den Phänomenen des Schönen.
Wenn einer, einmal verliebt in die Königskerze, von dieser Schönen nicht
mehr genug haben kann, immer neue anpflanzt, um sich bald darauf im Blütenmeer
zu sonnen, mit den Wespen, die ihm nichts antun, dann ist das aus meiner Sicht gut
verständlich.
5. Raupe gegen Königskerze, tierisches Leben gegen pflanzliches, hässliches, ekliges, abstoßendes, obszönes gegen das Schöne angeschaut mit Augen, was hat Priorität – und was sagt der Buddhist dazu, wenn ein Naturfreund die Raupe entfernt, um die Schöne zu retten?
Höheres Leben gegen niederes – wer will werten?
Wer nützt dem Menschen am meisten, die Schönheit Spendende, die Pflanze,
oder die Raupe, die die Königskerze in zwei Tagen kahl frisst, die Erhabene zur
Zwergin reduzierend?
Tag für Tag hatte ich sie beobachtet, an den Teichen an der Tauber im
renaturierten Bereich, von dem kleinsten Anfängen heraus, immer wieder
abgelichtet, Bilder ins Netz gestellt, für andere, die nicht laufen konnten
oder wandern und spazieren, so lange, bis sie, mir ebenbürtig, vor mir stand,
in voller Blütenpracht – ein wahres Bild der Schöpfung!
Doch dann kamen die Raupen, die Gefräßigen, um das Schöne in kurzer Zeit
zunichte zu machen, die hohe, hehre Blume zum Wack, irreversibel, denn diejenige,
die oft den Rasenmäher überlebt, kann sich davon nicht mehr aufraffen!
Und doch sind auch die Raupen ein Teil der Schöpfung, gleich der Schlange, von
Gott gemacht oder von der Natur, die für viele Menschen, Naturvölker, der Gott
schlechthin ist, anbetungswürdig wie die Sonne du das Licht.
Jude und Christ, ohne viel Sinn für die Ehrfurcht und das Leben, schlagen
in ihrem religiösen Wahn alles kaputt, Pflanze, Tier und Mensch; Ungläubige, Heiden,
sie halten es ebenso, nur die andere Seite verteufelnd.
Und der Buddhist, der die kleinste ehrt und am Leben hält, wie würde er
meine tat werten, als ich die Raupen entfernte und in den Teich warf, für die
Karpfen dort, um die Schöne zu retten?[2]
[1] Manche meiner deutschen
Landsleute aus dem rumänischen Banat wurden während der kommunistischen
Diktatur nach 1945 und unter Ceausescu „geknickt“, gleich den Rumänen, Walchen und
Moldauer, in den Türkenkriegen. Sie blieben gebeugt und fügsam auch später in
den Jahren in Freiheit.
Carl
Gibsons Blog für Literatur, Geschichte, Politik und Zeitkritik: Geknickt
aufrecht
Eine
„Enthauptete“ unter den Königskerzen sah ich in diesen Straßen auch schon,
gleich den Disteln in Goethes Prometheus-Gedicht, doch wohl kaum von Knaben!?
[2] Carl
Gibsons Blog für Literatur, Geschichte, Politik und Zeitkritik: Die Raupe eines
Schmetterlings befällt eine Königskerze am Teich und frisst sie kahl Oder als
auch ich einmal Gott spielte, in die Schöpfung eingriff und die letzte
Königskerze gegenüber doch noch rettete
Mit
Bildern auch von der Raupe.
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