Zum Tod eines Finken
Wahrscheinlich angelockt von den Sonnenblumenkernen, die ich ausgestreut hatte am Morgen, war er hier gelandet, vor meiner Tür, im Schnee. Doch aufgepickt hat er nichts mehr. Er hockte nur noch da, im Schnee, und zitterte.
„Oh“, dachte ich, „das sieht nicht gut aus!“
Und tatsächlich: kurze Zeit darauf, als ich wieder hinaussah, um vielleicht doch noch ein Foto zu schießen im trüben Winterlicht niederrieselnder Schneeflocken, lag der kleine Vogel schon reglos da, ausgestreckt in der weißen Pracht, an die Endlichkeit allen Seins gemahnend.
Ja, es geht dem Menschen wie dem Vieh, so wie es stirbt, so stirbt er auch[1].
Im Winter aber rückt das Sterben näher, der Tod wird greifbar.
Da es mit dem Schneien nicht aufhören sollte, verschwand der tote Sänger, heimgeholt von der Natur[2], unter der Schneedecke, so, als wäre er nie dagewesen!
Auch das ein Gleichnis, zum Los anderer Sänger, die sangen und schieden, heute aber längst vergessen sind, obwohl es holde Sänger[3] waren.
[1] Ein – in meinen Naturbeiträgen mehrfach zitiertes - Gleichnis aus dem Alten Testament, von Johannes Brahms in Ton gesetzt in den „vier ernte Gesängen“ und auch von Claude Chabrol zitiert in seinem besten Film.
Zum Thema Vergänglichkeit schrieb ich – als genesender aus dem Kranken haus kommend in den Tagen der Pandemie – folgenden Beitrag mit Bildern des Todes aus der Natur:
[2] Zum Thema Natur und triste Wirklichkeit in einer vollständig verfahrenen Welt vergleiche auch die jüngste Miniatur aus meiner Feder:
[3] Lenau, der edle Sänger, heute vielen unbekannt, hat auch dem Finken ein Gedicht gewidmet, das kaum noch einer kennt, ein heiteres Gedicht sogar.
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